Warum es Lerntypen eigentlich nicht gibt

Die sogenannten Lerntypen sind Bestandteil eines Konzepts von dem du bestimmt schon einmal gehört hast. Teilweise wird einem das Thema schon in der Grundschule vorgelegt.

Mit Lerntypen ist die Einteilung von Personen gemeint, die mit einem bestimmten Sinnesorgan präferiert und besser lernen können.

Die Unterteilung erfolgt meist in visuelle, auditive und haptische Lerner. Ich möchte dir nun eine kurze und geläufige Einteilung der Lerntypen vorstellen.

Der visuelle Typ:

visueller Lerntyp

Dieser Lerntyp soll besonders gut lernen, wenn er liest und Bilder zum Lernthema sieht.

Der auditive Typ:

auditiver Lerntyp

Er lernt besser, wenn ihm etwas vorgetragen und vorgelesen wird. Eine Erklärung; und dieser Lerntyp hat den Lernstoff verstanden.

Der haptische Typ:

haptischer Lerntyp

Dieser Typ lernt bevorzugt, wenn er etwas selber anfassen kann. Er präferiert eigene Experimente und die daraus gewonnene eigenen Erfahrungen.

Meine Kritikpunkte

Fehlende wissenschaftliche Beweise

Dieses Konzept der Lerntypen ist meinen Kenntnisstand nach nicht wirklich wissenschaftlich belegt. Im Gegenteil: Es gibt diverse Studien, die diese Einteilung in den Lerntypen widerlegen.

Unterschiedliche Testergebnisse

Im Internet und in Büchern findet man unzählige Tests zur Zuordnung von Lerntypen.

Diese sind anscheinend besonders im englischsprachigen Raum sehr beliebt.

Nach absolvieren eines solchen Tests habe ich oft verschiedene Testergebnisse erhalten: Einmal bin ich der visuelle Lerner und ein anderes Mal der auditive Lerntyp; dann wieder der haptische Typ.

Somit sind die Tests nicht gut geeignet den Lerntyp festzulegen; was mich zum nächsten Punkt bringt…

„Harte“ Einteilung in Gruppen

Viele Menschen lernen mit einer Kombination der verschiedenen Sinnesorgane besser, als mit einem alleine.

Meist ist die isolierte Verwendung von nur einem Sinn gar nicht möglich.

Wo ist zum Beispiel erfolgt die Unterscheidung beim Lesen? Das Lesen erzeugt oft eine innere Stimme. Ist das schon Hören und somit der auditive Typ? Oder ist es noch visuell, da das Ohr nicht verwendet wird?

Und wo liegt die Grenze bei der Vorstellung von Bildern beim Lesen und bei einem Vortrag? Das Lesen und das Hören eines Vortrages erzeugen ein Bild vor deinem inneren Auge. Zählt das Vorstellen eines Bildes zum visuellen Lerntyp?

Kein Lernen durch reine Informationsaufnahme mithilfe von Sinnesorganen

Lernen erfordert Arbeit. Die Präsentation einer neuen Information genügt nicht. Es muss das Konzept dahinter verstanden werden.

Richtiges Lernen erfolgt nur, wenn die Bedeutung einer Information verstanden wurde. Das geschieht immer mit den gleichen Vorgängen im Gehirn, ganz gleich, mit welchem Sinneskanal die Information aufgenommen wurde.

Lerntypen tendenziell eher relevant für Kurzzeitgedächtnis – aber nicht für das tatsächliche Lernen

Bei verschiedenen Personen sind die Sinnesorgane unterschiedlich stark ausgeprägt. Einige sehen besser als andere. Diese können dafür besser hören als der Durchschnitt.

Aber nur, da eine Person besser sieht als die andere, kann man nicht auf den Lerntyp schließen. Das wäre so, als das alle Menschen mit Brille eher auditive Typen sein müssten, da sie ja schlecht sehen.

Es besteht für die kurzfristige Wiedergabe vom Kurzzeitgedächtnis eine leichte Tendenz, die eine grobe Einteilung ermöglicht. Aber auch nur für bestimmte Fragestellungen, die mit „echtem“ Lernen und Verstehen nichts zu tun haben (z.B. „Welche Farbe hatte das Auto, das vor einer Minute vorbeigefahren ist?“).

Anders sieht es für das eigentliche (und wichtige) Lernen aus.

Mischtypen

Eigentlich gibt es nicht die reinen auditiven Lerntypen. Ebenso wenig die reinen visuellen und die reinen haptischen Typen.

Alle Menschen sind Mischtypen. Sie lernen meist mit den verschiedensten Sinnesorganen.

Eine Teilung könnte vielmehr so aussehen: 40% visuell / 30% auditiv / 30% haptisch. Diese grobe Einteilung durch die Lerntypen macht daher keinen Sinn.

Die Kombination der Sinneskanäle macht – wie oben erwähnt – die Wissensaufnahme und die Wissensspeicherung allgemein besser.

Persönliche Präferenz ist nicht gleich besseres Lernen

Viele Leute – auch ich – präferieren für das Lernen eine bestimmte Methode oder auch das dazugehörige Sinnesorgan. Die Präferenz für ein Sinnesorgan hat aber nicht gleich besseres Lernen zur Folge. Sie bestimmt mehr die Motivation und nicht das Verstehen und Lernen.

Vernachlässigung vom Schwierigkeitsgrad

Durch die Einteilung in Lerntypen wird der Schwierigkeitsgrad des Lernthemas nicht berücksichtigt. Viele Menschen lernen schwierig zu verstehende Themen anderes, als leicht verständliche Konzepte.

Fehlende Alternativen

Für einige Lerninhalte gibt es schlichtweg keine Alternativen. Besonders für den haptischen Typen.

Stell dir vor du bist in einer Vorlesung und lernst über das – dir völlig unbekannte – Themengebiet „Quantenphysik“. Wie sollst du die Lerninhalte so aufbereiten, dass du sie als haptischer Typ lernen kannst? Ich kenne hier keinen geeigneten Weg.

Andere Dinge können nur haptisch erlernt werden, wie zum Beispiel das Fahrradfahren. Du kannst es (das Radfahren) nicht durch Bücher und durch Erklärungen; du musst es selbst erleben und ausprobieren.

Spannung und Langeweile

Weit wichtiger als die Lerntypen ist das Thema „Spannung und Langeweile“, wenn es um das Lernen geht. Ein spannender und lebendiger Vortrag über Biochemie ist bestimmt besser als ein Buch, dass das Thema komplizierter und trockener erklärt. Das wird mit den Lerntypen so nicht berücksichtigt.

Menschen müssten nur visuelle Lerntypen sein

Das menschliche Auge kann 10.000.000 Bits pro Sekunde an Informationen verarbeiten. Ein Bit ist die kleinste Informationseinheit. Das menschliche Ohr dagegen nur 100.000 Bits pro Sekunde. Heißt das, dass alle visuell wahrgenommenen Lerninhalte (z.B. durch lesen) besser gelernt werden, als ein gehörter Vortrag? Meiner Meinung nicht.

Was sollte ich aus dem Artikel nun mitnehmen?

Wie oben geschrieben, wird hauptsächlich durch Verstehen gelernt. Man braucht auch nicht die vollen 10.000.000 bit/s um etwas Neues zu lernen. Es reicht, genügend Informationen wahrzunehmen und die dahinterliegende Bedeutung zu verstehen und dadurch zu lernen.

Bei Kombination von verschiedenen Sinneskanälen kann ein Konzept unterschiedlich gelernt werden. Das festigt das Verständnis mehr, als das gleiche Wissen immer wieder neu zu lesen. Versuche alle Lernmöglichkeiten zu nutzen: Bücher, Hörbücher, Vorträge, eigene Experimente, Gespräche, usw.

Fazit

Ich bin kein Wissenschaftler und kann die genauen Vorgänge im Gehirn nicht genau erklären. Allerdings suche ich viele Informationen über die Themen zusammen und durchforste wissenschaftliche Studien. Für das Lerntypen-Konzept habe ich einfach nicht die benötigten Beweise gefunden – eher noch Gegenbeweise. Eine Einteilung in den Lerntypen ist für mich nicht plausibel.

Was natürlich auch bedeutet, dass du dir die ganzen Tests und die gezielte Aufbereitung für deinen Lerntyp sparen kannst. Du kannst dich so mehr auf gute Lernmethoden und –techniken konzentrieren, die dir viel besser helfen werden, als eine schwammige Einteilung in Lerntypen.

Falls du andere Informationen hast, dann berichte mir in den Kommentaren. Ich wäre über eine Diskussion sehr erfreut.

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Schöne Grüße,

Michael

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